Louis Vierne Orgelsymphonien
Louis Vierne, von 1900 an bis zu seinem Tode 1937, war nicht nur Titular-
organist der großen Cavaillé-Coll-Orgel von Notre-Dame in Paris; er ließ sich
auch von diesem Instrument maßgeblich inspirieren bei seinen insgesamt sechs
Orgelsymphonien und starb buchstäblich für sie - nämlich am 2. Juni 1937,
als er hoch oben in Notre-Dame sein 1750. Konzert gab.
Von: Matthias Keller Stand: 21.10.2013

http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/leporello/cd-tipp-vierne-orgelymphonien-ross100.html

Obwohl Vierne selbst seine Musik als "eine Ästhetik des Kathedralorganisten" charakterisierte, ist sie doch mitnichten eine großflächiges, dem gewaltigen Nachhall gehorchendes Klangtableau, das ausschließlich auf bombastischen Eindruck ausgerichtet ist. Im Gegenteil: Die hochkomplexe, auch harmonisch ausgesprochen weit entwickelte Sprache Viernes steckt voller polyphoner Binnenstrukturen und Detailreichtum. Letzterer allerdings kommt - und das wiederum rechtfertigt den Ansatz der vorliegenden Neueinspielung - in Notre-Dame selbst niemals ganz zur Geltung.
Die Memminger Martinskirche dagegen, ebenfalls ein gotischer Bau von imposanten Maßen, profitiert bei der halben Deckenhöhe im Vergleich zu Notre-Dame von einer erfreulich "präzisen" Akustik und von einer 1998 in Betrieb genommenen, 4-manualigen Orgel der Schweizer Firma, die mit ihren 62 Registern stark nach französisch-romantischem Vorbild disponiert ist. Dazu ein Interpret, der sich bereits mit seiner César-Franck-Gesamteinspielung als Experte dieses Genres ausgewiesen hat, und der sich durchaus die Freiheit nimmt, hier und da das bekannte Einheits-Legato zu verlassen zugunsten schärferer Konturierungen. All das sorgt für eine Vierne-Gesamtedition unter "Laborbedingungen", was in diesem Fall nur positiv gemeint ist. Die hervorragende Aufnahmetechnik mit Surround-Option tut ein Übriges. Chapeau!

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